Warum Latein?

„Weg mit dem Gerümpel!“ rufen die einen. Die anderen singen das Lob von Latein als Kultur- und Basissprache.
Dazwischen stehen die Eltern, ratlos angesichts der Frage, ob sie ihr Kind einem humanistischen Gymnasium anvertrauen sollen. Gehen sie vom Standpunkt der Nützlichkeit aus, führt Englisch oder Französisch ab Jahrgangsstufe 5 zur unmittelbaren Anwendbarkeit des Erlernten. Mit Englisch oder Franzö¬sisch können ihre Kinder sich im Ausland und auf Reisen verständigen.
Was aber spricht für Latein? Und zwar nicht nur für die Sprache gemeinhin im Fächerkanon der Schule, sondern für das Erlernen des Lateinischen ab Jahrgangsstufe 5?
Latein ist in vielfacher Hinsicht eine „Basissprache“ von ebenso hohem Eigen- wie Mehrwert: 
Die Sprache der Römer ist natürlich längst nicht mehr das, was sie einmal war, nämlich Weltsprache. Aber kein anderes literarisches Medium war über die Jahrhunderte so erfolgreich, so wirkmächtig wie die lateinische Sprache. Sie ist unverändert der Originalschlüssel zum Verständnis der römischen Literatur, deren Formen und Inhalte, deren Gattungen und Motive seit ihrer Entstehung ununterbrochen das Denken, Sprechen und Schreiben der Europäer geprägt und beeinflusst haben. Das Bewusstmachen der gemeinsamen europäischen Tradition und die Anregung zur kritischen Auseinandersetzung mit den tradierten Werten und Kulturgütern gehören zu den zentralen Erziehungs- und Bildungszielen des humanistischen Gymnasiums. 
Der Mehrwert des Lateinischen ist Grundlage und Voraussetzung für das Konzept der Mehrsprachigkeit und des vernetzten Sprachenlernens. Die Schule wird niemals in der Lage sein, ein halbes Dutzend Sprachen zu vermitteln. Will sie aber ihrem Anspruch, für das Leben auszubilden, genügen, muss sie eine Basissprache anbieten, deren System und Struktur zur Vermittlung allgemeiner Sprachkunde geeignet ist. Die fundierte Kenntnis einer solchen Basissprache soll in der Schule, aber auch an Universitäten und erst recht im späteren Berufsleben, dazu befähigen, sich schnell und selbständig in fremde Sprachen einzuarbeiten, zumin¬dest eine ausreichende Lesefähigkeit zu gewinnen.
Latein bietet hierfür bessere Voraussetzung als irgendeine moderne Sprache.
Latein kann unbeeinflusst von Veränderungen, denen gesprochene Sprachen unterliegen, analysiert werden. Einmal abgesehen vom Nutzen des lateinischen Wortschatzes für das Erlernen der romanischen Sprache, aber auch des Englischen, bietet Latein ein einzigartiges Grundmuster, eine Folie, die fast jeder Sprache unterlegt werden kann.
Wem sind nicht die Eigenheiten und Regeln der eigenen Muttersprache erst beim Erlernen der lateinischen Sprache so richtig aufgegangen? 
Die Frage „Wozu Latein?“ lässt sich also relativ einfach beantworten: 
Lernt man Latein, erhält man Anteil an einem „Weltkulturerbe“, das – nicht als Vorbild, sondern als Modell – vor allem für unsere Vorstellungen von Macht und Verantwortung, von Rechtsordnung und politischer Teilhabe, von der Wirkungsmacht des Wortes in all seinen Ausdrucksformen von universeller Bedeutung war und ist.  
Lernt man Latein, so lernt man zugleich intensiv, bewusst und differenziert die deutsche Sprache. Das hat etwas mit dem Alleinstellungsmerkmal der alten Sprachen zu tun: Um lateinische (und griechische) Texte zu verstehen, muss man sie ins Deutsche „über-setzen“. Der Übersetzungsvorgang ist ein ebenso komplexer wie spannender Prozess, der in einmaliger Weise die Augen für die „Tiefenschärfe“ von Texten öffnet und bei dem man durch Vergleich und Kontrastierung mindestens so viel über die fremde Sprache wie über die vielfältigen (Macht-) Möglichkeiten (und Grenzen) der eigenen Sprache lernt.

Lernt man Latein, so versteht man zugleich generell Sprachen besser und schneller – allen voran diejenigen, die man als romanische Sprachen bezeichnet und die neben Englisch zum Fremdsprachenangebot des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums gehören: z. B. Französisch oder Italienisch. Oder Spanisch. 
Nicht zu vergessen: Latein war jahrhundertelang die Sprache der Wissenschaft. Auch heute noch sind und werden unzählige Fachbegriffe in Forschung und Technik, in Kultur und Politik, in Werbung und Rhetorik aus dem Lateinischen übernommen oder abgeleitet. 
Es mag dahingestellt sein, ob Latein in besonderer Weise das logische Denken fördert. We-sentlich ist vielmehr, dass der Umgang mit lateinischen Texten zu einem bewussten Umgang mit Sprache und in besonderer Weise für die Funktion und Wirkung sprachlicher Gestaltung sensibilisiert. Diese Erziehung zu reflektiertem Sprachgebrauch muss aber, soll sie erfolgreich sein, so früh wie möglich beginnen. Daher der Einsatz des Lateinunterrichts für alle Schülerinnen und Schüler des altsprachlichen Gymnasiums in Jahrgangsstufe 5.
Der Lateinunterricht ist heute so angelegt, dass bei genügender Aufmerksamkeit der Schü-lerinnen und Schüler im Unterricht eine Hilfe des Elternhauses nicht erforderlich ist. Deshalb sollten auch Eltern, die selbst nicht Latein gelernt haben, es wagen, ihrem Kind den Zugang zu Latein als erster Fremdsprache zu eröffnen.
Am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium wurde im vergangenen Jahr das moderne Unter-richtswerk „ROMA A“ neu eingeführt. Die Lateinlehrerinnen und -lehrer koordinieren ihre Arbeit nicht nur ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Fachschaft Deutsch, sondern auch mit den Lehrkräften, die Englisch in den Anfangsklassen unterrichten, damit die Kinder durch die Vernetzung der Fächer einen möglichst großen Lernerfolg haben und dabei trotzdem nicht überfordert werden.
https://player.vimeo.com/video/390305501

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Latein in der Q-Phase